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"Ausgesetzt, kein regelmäßiges Essen und ständig verfolgt mich dieser Kerl", jammerte Sim, der unter einer Parkbank saß, leise für sich. Schräg gegenüber hatte er den Mann wieder entdeckt, der ihm schon zum dritten Mal an diesem Vormittag auffiel. Sein schwarzer Ledermantel verhüllte die Gestalt und ließ sein halbes Gesicht verschwinden. Durchdringend starrten ihn die Augen unter der breiten Hutkrempe an. Selbst auf diese Entfernung hatten sie etwas Unheimliches. Seine ganze Gestalt hob sich dunkel wie ein Schatten von der Umgebung ab. Sim starrte zurück. Sein grau-weißes Fell sträubte sich und seine Katzenmuskeln spannten sich an. Dieser Kerl war ihm nicht geheuer.
Plötzlich stand der Schattenmann auf und ging geradewegs auf Sim zu. Der Kater drückte sich nach hinten. Er sah den Mann mit einer geschmeidigen Bewegung eine scharfe Klinge aus seinem Mantel ziehen. Sofort ließ er die angestaute Kraft frei und schoss flink davon zum nächsten Gebüsch. Das Geräusch schneller Schritte warnten Sim. Er wich zur Seite aus. Die Hand des Mannes streifte sein Fell und verfehlte.
Das Gebüsch war nun unerreichbar. Sim sah sich gehetzt um. Er entdeckte den engen Zaun des Parks und stürzte darauf zu. Mit ganzer Kraft zwängte er sich durch die Stangen und raste in die Stadt. Der Fremde würde ihm dort sicher nicht folgen können, oder?
Hastig drehte Sim den Kopf. Er sah den Mann mit einem eleganten Sprung über den hohen Zaun folgen. Kein Mensch beachtete seine akrobatischen Kunststücke. Sim glaubte ein Grinsen unter dem breiten Hut des Verfolgers zu sehen.
Der Kater riss sich aus seiner Verblüffung und sprintete die Straße entlang, doch der Mann holte erstaunlich schnell auf. Das konnte kein normaler Mensch sein! Erschrocken drehte Sim den Kopf und sah den Schwarzgekleideten schon fast an seinem Schwanz angekommen. Er machte einen Satz nach vorne und stürmte weiter. Dann fand er sich nach einer schnellen Kurve in einer Garageneinfahrt wieder, die ihm keinen Ausweg bot.
"Oh Mist!", fauchte er und suchte einen Weg nach oben. Die Stadthäuser verwehrten ihm jede Flucht. Langsam wich er vor dem eingehüllten Mann zurück, der ein scharfes, pechschwarzes Messer unter dem Mantel hervorzog. Andere Menschen ignorierten ihn. Etwas konnte nicht stimmen. Der Arm des Schattenmannes holte zu einem Schlag aus. Sims Kopf zuckte zur Seite.
"So nicht!", kam ein Fauchen von der Seite und ein Wesen stürzte sich auf den Ledermantel. Ungläubig sah Sim, wie der Mann ins Straucheln geriet und nach dem Angreifer packte. "Katzen!", fluchte er laut. Der Kater sah seine Gelegenheit gekommen und sprintete aus der Garageneinfahrt, weg von dem Schattenmann. Seine vier Pfoten gaben alles, um möglichst weit zu kommen.
"Kein guter Tag, um von einem Schattenjäger verfolgt zu werden!" Die Stimme war direkt hinter Sim und kam schnell näher, passte aber nicht zu dem Angreifer. Das musste sein Retter gewesen sein.
"Danke!", keuchte Sim zur Antwort. Erst jetzt bemerkte er mit einiger Verwunderung, dass der andere ein Kater mit einigen Bandagen am Körper war.
"Hier entlang!", befahl der Fremde und bog in eine belebte Straße ein. Sim folgte dem Bandagierten, immerhin schien er einen Fluchtweg zu kennen. Keuchend setzte er sich an einen Laternenmast und schnappte nach Atem, während der Fremde sich ruhig zu ihm setzte.
"Wer bist du?", fragte der Kater und versuchte dem anderen mit dem braunen Fell in die Augen zu sehen, doch auch diese waren von einer brüchigen Bandage verdeckt.
"Marun, und du bist?", erwiderte der andere fragend.
"Sim. Wie kannst du überhaupt sehen? Was ist mit den Bandagen? Bist du verletzt? Und was weißt du über den Mann?", sprudelte es aus dem atemlosen Kater heraus.
"Na du hast Fragen. Solche Schattenjäger sehe ich selten mal. Die meisten genießen das Leid anderer. Dieser war aber besonders stark und wollte dich umbringen. Aus irgendeinem Grund hasst er wohl ganz besonders Katzen", erklärte Marun.
Sim leckte sich die schmerzenden Pfoten. "Warum dann ausgerechnet auf mich? Und was ist mit den Bandagen?"
"Die Bandagen sind alt und stören mich nicht weiter. Warum ausgerechnet du sein Ziel bist, kann ich nicht sagen. Die Jäger haben nicht immer einen Grund, jemanden zu verfolgen. Vielleicht baut er nur Frust ab." Marun setzte sich hin und musterte mit seinen verbundenen Augen die Umgebung.
"Na wunderbar", jammerte Sim, der langsam wieder zu Atem kam.
"Es ist noch nicht vorbei." Maruns Ohren zuckten und braune Fell zwischen den Bandagen stellte sich senkrecht. Langsam drehte er sich. Sim folgte ihm mit seinen Augen.
"Ich finde euch ekelhafte Katzen immer!" Die Drohung kam von der Seite und tatsächlich stand dort der Schattenmann. Bebend vor Jagdlust und mit einer schwarzen Klinge in der Hand. Diesmal konnte Sim sogar sein kantiges Gesicht erkennen, das von einem wilden Schnauzbart verstärkt wurde. Wirklich in Panik versetzten ihn aber die Augen, die sich leuchtend an der aufsteigenden Angst der Kater weideten. Dies war definitiv kein Mensch, es war ein Monster!
"Weg hier!", brachte Marun hervor und stürmte los. Sim folgte ihm so schnell er konnte. "Er jagt dich, bis du stirbst!"
Das Warum fragte Sim sich nicht länger. Wer solche Augen hatte, brauchte keinen Grund, nur ein Opfer. Mit langen Sätzen stürzten sie sich in das Menschentreiben und hofften, es würde dieses Wesen zumindest kurz aufhalten. Hinter ihnen flappte der Ledermantel, während der Mann schnell durch die Menschenmenge lief, die ihn kaum beachtete.
"Wir brauchen ein Versteck!", japste Sim angestrengt. Er war schon lange über seine Schmerzgrenze hinaus gelaufen. Seine Pfoten pochten. Lange Läufe waren noch nie seine Stärke gewesen.
"Da vorne!", rief Marun und bog zielstrebig in eine offene Ladentür. Sim hörte bedrohlich das Knattern des Leders hinter sich, als er hinterher sprang. Die Tür fiel hinter seiner Schwanzspitze ins Schloss.
Er rollte sich auf dem Parkett ab. Seine Krallen bohrten sich tief in das Holz, als er zur Seite rannte und Marun unter einen Stand mit Süßigkeiten folgte. Kaum waren sie unter der Auslage versteckt, öffnete sich die Tür erneut und der Jäger trat ein. Sim kroch noch weiter zurück. Der Schattenmann war vor der Theke stehen geblieben. Weiter nach hinten drückte sich der graue Kater, bis er an ein weiches Hindernis stieß. Er schreckte hoch und sein Kopf knallte unter den Boden des Standes. In seinem Schädel dröhnte es. Das musste das böse Wesen doch gehört haben!
Doch nichts geschah. Der sonst so aufmerksame Schattenmann drehte sich kaum zur Seite, soweit Sim es sehen konnte. Nicht nur das, diesmal sprach die blonde Kassiererin den Mann sogar an und fragte zuckersüß, woran er Interesse hätte. „Katzen“, knurrte der Vermummte. „Katzenzungen? Oh, die führen wir nicht“, gab die Verkäuferin in verständnisloser Freundlichkeit zurück. „Tatsächlich“, brummte der Fleisch gewordene Schatten und wandte sich um.
Sim atmete seine Anspannung aus und drehte sich zu dem Ding, das ihn die ganze Zeit in den Hintern gedrückt hatte. Ein fahlweißes Grinsen aus einer Schädelmaske strahlte ihm entgegen. Sim schrak erneut auf und wieder schoss er mit dem Kopf gegen den Boden des Standes. Langsam wurden ihm die Seltsamkeiten wirklich zu viel. Er taumelte weg von der Maske, doch Marun stellte sich ihm in den Weg.
"Noch nicht!", raunte er, während die schweren Lederschuhe des Mannes durch den Laden schlurften. Erst dann sah auch er das zahnige Grinsen und erstarrte. Sekunden vergingen. Die Maske hob sich und im Zwielicht zuckten zwei Ohren. Die Tür fiel ins Schloss, doch keiner regte sich.
"Kein guter Tag, um vom bösen Jäger verfolgt zu werden." Die Stimme hinter der Maske klang tief, aber nicht unfreundlich.
"Ach wirklich?" Sim fauchte fast. Er verstand die Welt nicht mehr. Am Morgen war er noch eine normale Straßenkatze in einer normalen Welt mit ganz irdischen Sorgen gewesen und auf einmal traf er die seltsamsten Wesen.
"Allerdings", stellte der Maskierte trocken fest und streckte sich lang aus. Erst jetzt bemerkte Sim, dass er wesentlich länger war, als er anfangs dachte. Eher eine Art Großkatze! Ein Wunder, dass er überhaupt unter dem Stand passte. Träge öffnete sich ein orangenes Auge an der Seite seines Brustkorbs und von seinem buschigen Schwanz grinste ein Maul mit scharfen Zähnen.
Auch Marun spürte eine Angst in sich aufsteigen. "Wer oder was bist du?"
"Ich heiße Aru und bin ein ganz normaler Kater, zumindest fast. Ihr könnt mich sehen, also seid ihr auch nicht so ganz normal, nehme ich an", sagte der Felide, dessen Auge sie durchdringend anstarrte, noch nicht einmal geblinzelt hatte.
"Also Sim und ich sind sehr normale Kater!", begehrte Marun auf und krallte sich leicht im Boden fest. Sim bedachte ihn mit einem schiefen Blick auf die Verbände.
"Ich werde von diesem Wesen verfolgt, diesen Jäger. Marun hilft mir dabei, ihm zu entkommen", fügte Sim hinzu.
"Entkommen? Ihr seid mir zwei Unglückskatzen." Arus Schweif grinste breit. "Aber ich will euch einen guten Tipp geben. Nehmt dies hier." Damit schob er ihnen mit seiner riesigen Pfote je eine Zuckerstange herüber. Beide schnupperten daran, konnten aber außer dem Zucker und Fruchtaromen nichts feststellen.
"Sollen wir ihn damit angreifen?", fragte Sim ungläubig.
Aru lachte und hob den Kopf dabei, knallte nun jedoch seinerseits unter den Boden des Standes, was die ganze Theke anhob. Verärgert schimpfte die Kassiererin über den Holzboden. "Autsch. Nein, ihr sollt die Zuckerstangen fressen. Der Jäger kann den Geisteratem sehen und hat damit zumindest die Amateurmumie von euch beiden. Aber auch sonst steckt in diesen Süßigkeiten viel Freude und die hält solche Gestalten fern." Wie zum Beweis leckte er genüsslich an einer weiteren Stange entlang, was reichlich seltsam aussah, denn die Zunge kam geradewegs aus seinem Maul am Schwanz. Marun schüttelte sich.
"Ich werde ganz sicher nichts fressen, das ich von einer Seltsamkeit wie dir bekomme", entgegnete Marun.
"Wie du willst, aber beschwere dich nicht bei mir, wenn der Jäger euch schnell wieder findet", die grinsende Maske wandte sich an den bandagierten Kater, dem dabei ein Schauer über den Rücken lief. Sim hatte genug gehört. Der komische Kater hatte sie nicht verraten und sein Wissen geteilt. Außerdem sah die Zuckerstange so normal aus, wie alle anderen Süßigkeiten hier. Er leckte daran entlang und der Zucker breitete sich auf seiner Zunge aus, heftete sich unangenehm an seine Zähne und löste sich langsam auf. Es war zwar nicht gerade sein Geschmack, aber auf der Straße hatte er schon Schlimmeres gefressen.
Marun beäugte Aru und dann auch Sim misstrauisch, machte sich dann aber doch an die Zuckerstange. "Das ist ja ekelhaft!", brachte er angewidert hervor, wagte es aber nicht aufzuhören.
"Hier drin könnt ihr leider dennoch nicht bleiben", merkte Aru plötzlich an. "Es war schon schwer genug, mich allein hier zu verstecken. Außerdem weiß der Jäger, dass ihr hier seid. Natürlich kann ich euch auch nicht einfach dem bösen Jäger überlassen, er würde euch zerfetzen." Das klang wie eine Feststellung. Sim schauderte es. "Am besten ist es wohl, wenn wir gemeinsam gehen. Habt ihr schon ein Ziel?", fuhr Aru fort.
Sim sah Marun an, der den Blick durch die Bandagen kaum erwidern konnte. Von diesem Wesen begleitet zu werden, war Sim noch suspekter, als Marun. Andererseits schien der grinsende Hintern es nicht gerade auf sie abgesehen zu haben und gegen den Schattenmann war jede Hilfe wertvoll. Dann senkte Marun aber den Kopf und erklärte: "Wir haben noch keinen Ort gefunden, an den uns der Verfluchte nicht folgen kann."
Aru, der eben noch voller Freude an der Zuckerstange geschleckt hatte, horchte auf. "Ihr seid echt mal ahnungslos. Ein Wunder, dass ihr hier angekommen seid! Die Lösung ist ganz einfach. Der Schattenjäger kommt in keinem Raum, in den er nicht eingelassen wird."
"Was soll das heißen? Hier ist er doch auch ohne Probleme herein gekommen!", brauste Sim auf.
Aru erhob sich vorsichtig, wodurch er fast erneut den Stand anhob. Er grollte leicht. "Beruhige dich, ich mag es nicht angefaucht zu werden. Läden sind eine Art Grauzone, da sie theoretisch jedem offen stehen. Aber ihr habt bestimmt gesehen, dass er weit weniger gefährlich schien. Die Süßigkeiten hier und der nicht ganz geklärte Bereich schwächten ihn. Wir sollten uns beeilen und möglichst schnell eine Wohnung suchen."
"Können wir nicht hier bleiben, bis es Abend ist? Nachts wird er nicht so gut sehen können", merkte Marun an.
"Du willst nicht erleben, wie der Schattenjäger in der Nacht macht. Da kann er sich noch weniger kontrollieren. Esst eure Zuckerstangen und dann nichts wie raus", befahl Aru. "Ich werde versuchen euch zu beschützen, so gut es geht, aber einem solchen Jäger bin ich nicht gewachsen."
Widerwillig würgte Marun die Zuckerstange herunter. Sim ließ sich etwas mehr Zeit, war aber auch recht schnell fertig. Um den leicht zitternden Marun etwas zu beruhigen, leckte er ihm über das braune Fell, verzog dabei aber die Schnauze. Er hatte selten etwas so Ekelhaftes an der Zunge gehabt. Es war wie, über Staub zu lecken. Im Nu trockneten Zunge und Rachen aus. Um Marun, dem es anscheinend gefallen hatte, nicht zu kränken, drehte er sich schnell und putzte sein eigenes Fell.
"Wir rennen mit dem nächsten Kunden raus und wenden uns nach links, dort gibt es einige Wohnhäuser", erklärte Aru und klang dabei unter seiner Totenmaske sehr selbstsicher.
Die anderen beiden Kater spannten sich an. Kaum dass die Tür sich öffnete, schlüpften die Drei hinaus, ohne dass der Kunde große Notiz von ihnen nahm. Der im Vergleich riesige Körper von Aru wies ihnen die Richtung. Mit großen Sprüngen versuchten sie Schritt zu halten, als er eng um Kurven bog und einigen Menschen auswich, die kaum eine Notiz von seiner riesigen Gestalt nahmen. Nur Sim musste immer wieder aufpassen, den grabschenden Händen kleiner Kinder und den Tritten der Menschen auszuweichen. Ihn bemerkten alle.
Ein schneidender Schmerz durchzuckte Sim. Sein linkes Auge war ein einziger, roter Vulkan. Er schrie auf und fiel zurück. Laut aufmaunzend drückte er sein Auge auf den Boden.
"Du armer Kater", grollte die tiefe Stimme des Schattenjägers sarkastisch mitfühlend. "Sim!", klang es weiter vor ihm. Der Schattenmann musste ihnen aufgelauert haben. Alles drehte sich. Dann ein weiterer schneidender Schmerz und Sim klappte zum Teil schräg nach vorne. Etwas Klebriges tropfte an ihm herunter. Wie aus der Ferne drang ein dumpfes, unaufhaltsames Pochen immer mehr in sein Bewusstsein. Sein Blick ging nach unten, wo sein gesundes Auge eines seiner Beine vor ihm liegen sah. Eine dunkle Klinge qualmte daneben im Boden.
"Halte durch!", kamen die Rufe schon wesentlich näher.
"Drei auf einen Streich", grollte der Schatten und es war förmlich spürbar, wie er die Panik der Kater in sich aufsog. Dann gab es ein Rumpeln. Der Schatten fluchte. Ein Mensch rief etwas, offenbar war es nun so offensichtlich, dass sie es nicht mehr ganz übersehen konnten.
"Ich hoffe, du wirst mir hinterher danken", grollte Aru und Sim spürte etwas Feuchtes um seinen Körper. Nur sein gesundes Auge ließ ihn erkennen, dass der Schattenmann gefallen war und ein paar mächtige Kratzer auf seiner Kleidung zu sehen waren. Der Ledermantel blutete zähes Öl. Marun rannte hinter ihnen her und hatte selbst mindestens drei dieser rauchenden Klingen im Körper stecken. Immer wieder schliffen sie über den Boden und versprühten dabei lila Funken.
"Ich bekomme euch doch!", schrie der Jäger und seine Silhouette riss entlang der Kratzer wie altes Pergament. Die menschliche Hülle streifte er ab, wie eine viel zu enge Haut. Der Ledermantel öffnete sich und wurde zu mächtigen Schwingen. Er setzte den Flüchtenden mit kräftigen Sprüngen nach.
Immer weiter verformte sich die Bestie bei der Verfolgungsjagd. Ein Mund wurde durch ein Haifischmaul ersetzt, das kurz darauf zu einem scharfen Schnabel wurde, nur um sich weiter zu wandeln. Sim packte die nackte Panik. Marun schien etwas zu rufen, beide bogen schnell in eine Seitengasse. Sim spürte, wie sein Körper zuckte und reimte sich endlich zusammen, dass er wohl in Arus Maul hockte. Das Ziehen und Kribbeln wurde schlimmer. Der Schmerz holte zu ihm auf. Zugleich konnte er sehen, wie der Schatten immer näher kam und seine scharfen Klauen nach ihnen ausstreckte.
Sim wollte sie warnen, schreien, irgendetwas tun, doch ihm lief nur Arus Speichel in die Schnauze. Dann war er bei ihnen. Wie ein Riss in der Realität sah er aus. Die Ränder seiner Silhouette waren scharfe Kanten zwischen Existenz und Auslöschung. Der Krallenschlag konnte sie unmöglich verfehlen. Sim sah in grausamer Klarheit, wie die scharfen, schattigen Klauen herunter sausten. Sie durchtrennten in ihrem Weg, einfach alles. Mit einer stillen Bitte für ein Neues Leben schloss Sim mit der Welt ab. Ein Ruck durchwogte seinen Körper, als sie um eine weitere Hauseckebogen. Die Hand durchtrennte das Mauerwerk, als bestünde es aus Pappe und hinterließ in ihrer Bahn scharfe Schnitte.
"Stop!", befahl eine helle Stimme.
Aru schoss mit Marun und Sim in einen Hausflur. Die Krallenhand entschwand aus ihrem Sichtfeld, aber sie würde sich von dem bisschen Gestein nicht aufhalten lassen. Die Tür knallte hinter ihnen ins Schloss. Ein Rumpeln war zu hören, ein leises Knallen und Zischen. Dann ein zaghaftes Klopfen.
Sim wagte es nur zögerlich zurück zu sehen. Die alte Frau wankte leicht, als sie wieder zur Tür ging.
"Lass mich bitte ein", bat eine beinahe freundliche Stimme und eine zitternde Hand im Lederhandschuh versuchte sich einen Weg in die Wohnung zu bahnen. "Komm nächste Woche wieder, eher will ich dich nicht sehen!", erklärte die Frau bestimmt. "Und bring dann meine Katzenzungen! Die aus Schokolade! Und denk an meine Einkäufe, anstatt zu jagen!" Die Hand zog sich zurück. Sie schloss sanft die Tür.
"Ohje, ich seh schon. Er hat wieder eine Menge Chaos angerichtet", seufzte die alte Frau und nahm ihren Gehstock, mit dem sie etwas unsicher weiter wankte. "Kommt mit."
Aru und Marun folgten in die Stube, wo sie sich in einen Sessel setzte und beschwerlich und lang ausatmete. "Lange mach ich es wohl nicht mehr. Na schön. Zunächst einmal, solltest du den Kater aus deinem Maul lassen", befahl sie und deutete auf Aru.
"Wer ist die Frau?", fragte Marun leise an Aru gewandt.
"Stimmt, wie unhöflich von mir. Nennt mich einfach Hanna. Jetzt lass den Kater aus dem Maul, sonst wird er sich selbst gar nicht wieder erkennen."
"Du kannst uns verstehen?", platzte es aus Marun heraus.
"Ich erkläre es euch später. Jetzt sollte euer Freund aus dem Maul heraus. Das kann nicht gesund sein", entgegnete Hanna freundlich.
Aru und Marun sahen sich verwundert an, doch dann gehorchte Aru und ließ am Boden aus seinem Maul. Traurig besahen sich die drei den Kater. "Er blutet ja gar nicht mehr", entdeckte Marun. Sim versuchte aufzustehen. Alles fühlte sich seltsam an. Er kippte gleich wieder nach vorne. "Aber das Bein fehlt", bemerkte Aru niedergeschlagen. "Ihr solltet froh sein, dass er noch lebt." Sim fühlte, wie die langen Finger der alten Frau ihn hoch hoben.
Hanna beugte sich vor und setzte sich eine Brille auf. "Es hätte schlimmer kommen können. Er hat ein Auge verloren. Seine Pfote bleibt wohl in der Geisterwelt und wächst nicht nach. Ein zweites paar Ohren, damit kann man leben. Die Kugel ist allerdings interessant."
Sie hob den nassen Sim hoch, der zitternd hörte, doch kaum glauben konnte, was die Frau über ihn sagte. Er spürte kaum noch Schmerzen, das stimmte, doch die sachliche Aufzählung war ihm alles andere als geheuer. Dennoch konnte er keinen Widerwillen oder Bosheit in ihren Augen sehen, während sie auf seine Brust starrte. Der lange Blick machte ihn unsicher und er wollte mit seiner Tatze nach ihr schlagen. Was ihn daran erinnerte, dass er nur noch eine hatte.
"Ich vermute, die Kugel hier zeigt an, wie es in deinem Inneren aussieht. Derzeit bist du ziemlich panisch. Das wundert mich nicht, du hast heute deine bekannte Welt verlassen und bist verändert worden." Sie setzte Sim wieder auf ihren Schoß und strich über sein Fell. "Das wird mit der Zeit, aber du wirst nie wieder ganz normal werden."
"Was soll das heißen? Woher weißt du so viel?", fragte Marun skeptisch. "Erzähl uns endlich, wer oder was du bist!"
Hanna lehnte sich zurück. "Ich bin euch wohl einige Erklärungen schuldig." Ihre Finger strichen weiter über Sim, der nicht umhin kam trotz all der seltsamen Gefühle wohlig zu schnurren und schläfrig die Augen zu schließen. "Ich bin so etwas einfach nicht mehr gewohnt. Es ist schwer auszudrücken, was ich bin. Vermutlich komme ich einer absonderlichen Hexe am nächsten. Es gibt nicht wirklich ein Wort dafür. Damals war ich sehr neugierig, aber auch aufbrausend. Um etwas dagegen zu tun, habe ich in einem langen Kampf meinen inneren Dämon rausgeschmissen. Seither bin ich ruhiger geworden. Ich habe jedoch nicht vorhersehen können, dass der Dämon zum Schattenjäger werden würde. Er wandert umher und verursacht leid. Egal was ich tat, er wollte nicht aufhören und ich konnte ihn nicht wieder aufnehmen. Der einzige Trost ist, dass er mit mir sterben wird. Lange wird er also nicht in dieser Welt verbleiben." Sie hustete, wie zum Beweis ihrer Worte.
Marun und Aru hatten aufmerksam ihren Vortrag gelauscht. Sim war offenbar aus Erschöpfung eingeschlafen. "Ich will euch gerne hier behalten und schützen, wenn ihr wollt. Mehr kann ich leider nicht tun. Eurem Freund auf meinem Schoß würde ich es lieber erzählen, wenn er wieder bei Kräften ist", murmelte sie und ihr stand die Reue ihrer Jugendtat tief ins Gesicht geschrieben.
"Also ich bleibe vorerst", erklärte Marun und sprang auf die Stuhllehne, was Sim weckte "nenn mich Marun."
"Oh, lass mich mal sehen", meinte Hanna und begann die Schattensplitter aus Marun zu entfernen. "Du scheinst ein untoter Kater zu sein."
"Was?", fragte Marun ungläubig und drehte sich um. Die anderen drei schauten ihn verwundert an. Konnte er es wirklich nicht bemerkt haben? Hanna kraulte über seinen weichen Schädel. "Nun, du hast uralte Bandagen um und dazu stecken dir diese Splitter im Körper, vorzugsweise da, wo es weh tut und tötet."
"Außerdem warst du beim Laufen nie außer Atem", fügte Sim hinzu.
"Und du kannst trotz der Bandage um deinen Kopf deine Umgebung recht gut sehen oder erfühlen", vervollständigte Aru. Marun legte verwirrt den Kopf schief. „Bin ich deshalb nicht mehr hungrig?“, aber so wirklich überzeugt klang er noch nicht, selbst als Hanna die Schattensplitter aus seinem Körper zog, die sich schimmernd auflösten. Auch er begann leise zu schnurren, als Hanna ihm über den Kopf kraulte.
"Nun zu dir, Dämonenfresser", begann die Oma.
"Aru", vervollständigte der große Kater. "Ich wollte meine Herrin beschützen, die als Hexe verbrannt wurde. Allerdings war sie völlig unschuldig. Mein Wille sie zu schützen überdauerte das Feuer und ließ mich wieder erstehen. Viel konnte ich nicht mehr für sie tun, leider. Seither durchstreife ich die Welt. Wenn ich noch etwas weiter wachse, könnte ich es mit deinem Dämonen aufnehmen."
"Mit dem Ergebnis, dass auch ich sterbe, danke für das Angebot", Hanna lächelte.
"Ansonsten bin ich ein ganz normaler Kater", schloss der große Felide ab und grinste mit seinem Maul am Schwanz.
"Ein treuer Kater, kein Wunder dass du auch von außen seltsam bist. Die Augen an deinem Brustkorb, das Maul am Schwanz und der blanke Schädel sind dir aber schon aufgefallen, oder?", fragte Hanna unvermittelt.
"Das hat doch jeder Kater", versetzte Aru.
Sim schaute auf und auch Marun sah ihn an. "Noch ist mein Schädel unter der Haut und meine Augen im Kopf", meinte der dreibeinige Kater und Marun ergänzte: "Außerdem ist am Schwanz normalerweise kein Maul und du bist ziemlich groß geworden."
"Ich bin bestimmt nur eine seltene Großkatze." Die Selbstsicherheit, die Aru ausgestrahlt hatte, schwand. Hanna setzte die anderen beiden Kater ab und beugte sich zu ihm vor. Sie umarmte den Dämonenfresser und ihre dürren Finger tauchten in das dichte, dunkle Fell ein. "Das ist schon in Ordnung. Zumindest habe ich kein Problem damit." Ohne es zu wollen antwortete Aru mit einem tiefen Schnurren.
Die drei Kater sahen sie erwartungsvoll an, als sie mühsam wieder aufstand.
"Ihr seid eine interessante Gemeinschaft. Ihr könnt vorerst bei mir wohnen, bis ihr wisst, wie es weiter geht. Habt ihr Hunger?"
Hanna stand wieder auf und ging in Richtung Küche. Marun blickte fragend auf seinen Bauch.
Wenige Stunden später trug Marun ein rotes Halsband mit goldenem Schild und er schlief zusammen mit Sim zum ersten Mal seit langem ruhig und tief, eingekuschelt in das dichte Fell von Aru.
Eine Naturama Comission im Auftrag von :iconnenu: :)
Meine erste Comission überhaupt und es war interessant mal mit fremden Charakteren zu arbeiten. Eine ganz neue Herausforderung, gerade weil die drei Kater doch recht besondere Tiere sind.
Über Kritik und Kommentare freue ich mich natürlich!
:iconnenu:
Nenu Featured By Owner Dec 13, 2015  Student General Artist
Daß ich die Geschichte ganz großartig und toll finde, hatte ich dir ja geschrieben :D
Und da meine Stimme wieder zurückgekehrt ist, kann ich sie auch Freunden vorlesen X3

Und mir fällt gerade auf, daß der erste und der letzte Satz ein ganz toller Kontrast zueinander bildet! Das fällt mir bei Bildergeschichten immer direkt auf, aber hier hat es länger gebraucht :D

Da ich selbst derzeit nicht zum zeichnen komme, habe ich jemand anderen um ein Bild gebeten :)
We meet again! - Comm for Nenu by rattlesnake12
Weil Sim hat garantiert Alpträume von dem Schatten o.o
Reply
:iconterralux:
terralux Featured By Owner Dec 24, 2015
Das ist super!
Ich hoffe, deine Freunde haben auch so viel Freude an der Geschichte. :D

Da muss ich die beiden Sätze glatt selbst noch einmal lesen. XD
Stimmt, der Kontrast ist da schon deutlich zu sehen. Kunstgriffe, von denen ich selbst nichts wusste. ^^'

Sehr schickes Bild! Sim hat einen guten Grund so verzweifelt vor den Schatten zu fliehen (und mit deinen Assoziationen zu Simba bist du nicht alleine.) Das Abenteuer dürfte den Guten auf jeden Fall noch etwas verfolgen. :)
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November 22, 2015
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